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    Lützerath – ein Dorf an der Abbruchkante

    Ab dem 10. Januar soll die Räumung von Lützerath beginnen, dem Dorf am Tagebau Garzweiler, der längst zum Symbol der Klima-Bewegung geworden ist. Wir waren Ende Dezember vor Ort uns haben uns umgeschaut.

    Es kann sich nur noch um Wochen handeln, bis Lützerath geräumt ist und endlich die Baggerarbeiten beginnen können – zumindest, wenn es nach dem Energiekonzern RWE geht. Die Aktivist:innen, die seit 2020 ihre Zelte, Holzhütten und Baumhäuser in Lützerath aufgebaut und aufgeschlagen haben, sehen das anders.

    Von den ursprünglichen Bewohner:innen ist keine:r mehr da, von 2006 bis 2022 verließen die etwa einhundert Menschen das Dorf. Vereinzelt wurde versucht, sich vor Gericht gegen die Umsiedlung zu wehren – ohne Erfolg. Stattdessen werden die alten Bauernhöfe, die Häuser und Wiesen jetzt von linken Klimaaktivist:innen bewohnt. Sie haben es sich über die Monate und Jahre heimisch gemacht. Auf einem großen, matschigen Stück Wiese stehen ein Haufen Baumhäuser und Verschläge, darunter Hütten zur Erste-Hilfe-Versorgung und für die Presse-Arbeit. Ein Bewohner erzählt uns von dem Zusammenleben, das scheinbar dem Motto folgt: Alle helfen mit, so wie sie es können. Das Protestcamp bildet auch den Versuch einer neuen Art des Zusammenlebens. Es finanziert sich hauptsächlich durch Geld- und Sachspenden.

    Die NRW-Landesregierung aus CDU und Grünen hat zusammen mit RWE und Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck beschlossen, dass Lützerath abgebaggert werden darf, dafür, so der Kompromiss, endet bis 2030 der Abbau von Braunkohle im Rheinischen Revier. Als Grund für die Entscheidung wird mit der Versorgungssicherheit argumentiert, die angesichts des Ukraine-Krieges gesichert werden müsste. Eine Studie des “Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung” (DIW) kommt dagegen zu einem anderen Schluss: Ihr zufolge sei das Abbaggern der Dörfer gar nicht notwendig, um die Energiesicherheit in Zukunft zu gewährleisten.

    Die Entscheidung der Landesregierung orientiert sich an drei unabhängigen Gutachten, deren Richtigkeit aber von manchen angezweifelt wird. So kritisiert der Spiegel zum Beispiel die kurze Zeitspanne, die den Sachverständigen zur Verfügung stand, die groben Schätzungen des künftigen Bedarfs an Braunkohle und den Bezug auf Informationen, die RWE zur Verfügung stellte.

    Aber nicht nur die Braunkohle selber ist Grund für den geplanten Abriss Lützeraths. Zur Stabilisierung der Abbruchkanten des Tagebaus braucht der Konzern Erd- und Gesteinsmaterial – die zu importieren ist teurer, als die Erde unter dem Dorf zu nutzen.

    Klimaaktivist:innen aus ganz Deutschland mobilisieren seit Tagen für die “Verteidigung” des Dorfes; am 14. Januar soll dazu eine Großdemonstration stattfinden. Die Räumung selber soll am 10. Januar beginnen. Die Polizei Aachen rechnet mit einem möglicherweise mehrwöchigen Einsatz, sie geht von einer Handvoll gewaltbereiter Besetzer:innen aus.

    Aus Sicht von RWE muss die Räumung schnell beendet werden, denn die diesjährige Rodungssaison für die Bäume rund um Lützerath endet schon Ende Februar. Deshalb versuchen die Aktivist:innen, die Räumungsarbeiten möglichst weit in die Länge zu ziehen.

    Clara Heuermann
    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.

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