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    Reform von Aachener Kirche gefordert: 175 Missbrauchs-Fälle aufgedeckt

    Es ist ein Thema, über das viel zu lange geschwiegen wurde: der sexuelle Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche. Eine Münchener Anwaltskanzlei hat in Aachen nachgeforscht.

    Seit Mitte der 90er Jahre ist die öffentliche Aufmerksamkeit bezüglich sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche weltweit gestiegen. In Folge darauf wiesen einige kirchliche Einrichtungen unabhängige Stellen dazu an, sich mit der Aufarbeitung im eigenen Bistum zu beschäftigen.

    175 Missbrauchsopfer, die meisten Kinder

    Auch der Aachener Bischof Helmut Dieser beauftragte dazu im 2019 die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl. Schwerpunkt der Forscher:innen sollte der Umgang der Bistumsleitungen mit sexuellem Missbrauch durch Kleriker zwischen 1965 und 2019 sein. Hierbei geht es vordergründig nicht um die Schuld einzelner Kleriker, sondern um die Fehler im System der katholischen Kirche.

    Das Gutachten bringt jetzt drastische Ergebnisse ans Licht: Mindestens 175 Personen, größtenteils Jungen zwischen 8 und 14 Jahren, wurden bis 2019 sexuell missbraucht. Die Anzahl der Täter belaufe sich auf 81, darunter 79 Pastoren und zwei Diakone, erklärte die Kanzlei.

    Wenn Verantwortliche Täter schützen

    Lange wurden Missbrauchsfälle verschwiegen. Mit dafür verantwortlich waren ehemaliger Aachener Bischöfe und Generalvikare, die die Täter lange deckten – teils sogar erneute Möglichkeiten zum Missbrauch nicht verhinderten. Täter mussten wegen der Untätigkeit seitens Verantwortlicher lange Zeit nicht mit Konsequenzen zu rechnen.

    Kirchenrechtliche Folgen gab es, wenn überhaupt, bloß in besonders schweren oder öffentlichkeitswirksamen Fällen. So wurden in nur fünf Fällen sexuellen Missbrauchs Untersuchungen durchgeführt. Auf nur zwei davon folgten strafrechtliche Konsequenzen.

    Hinweise auf vermehrten sexuellen Missbrauch lagen oft vor. Auf viele erfolgte auf keine Handlung. Manchen Tätern wurde nur vorläufig die Arbeit als Seelsorger oder Priester verwehrt. Sogar nach Verurteilung wurden einige erneut eingesetzt.

    Missbrauch mit System

    Die Fälle von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche sind längst keine Einzelfälle mehr. Hinter verantwortlichen Pastoren und hilflosen Opfern steht ein System, das schon vor den Missbrauchsvorfällen heftig kritisiert wird.

    Der oft unangreifbare Stand des Pastors als Vermittler zwischen Gott und den Menschen ist eine Ursache, weshalb die Bistumsleitung auf Missbrauch dem Täter oft falsches Verständnis und Milde aufbringt. Opfer hingegen werden als Bedrohung des kirchlichen Rufs wahrgenommen und weitestgehend allein gelassen. Skandale um die Vorkommnisse sollten so vermutlich auch in Aachen vermieden werden.

    Eine Ausnahme im Umgang mit Missbrauchten bildete nur der ehemalige Bischof Klaus Hemmerle, der bis 1994 das Aachener Bistum leitete. Er bot Opfern und ihren Familien persönlich finanzielle Hilfe und Therapien an.

    Gutachten empfiehlt Reformen

    Viele Opfer fühlen sich hilflos. Oft herrscht eine Unfähigkeit, über den Missbrauch zu sprechen. Auch die oft negative kirchliche Darstellung von Sexualität ließ viele schweigen – oder sogar die Schuld im eigenen Handeln suchen. Eine häufig nachlässige Aktenführung behinderte den Aufklärungsprozess zusätzlich.

    Um sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Zukunft vorzubeugen, empfiehlt das Gutachten direkten Kontakt aller Verantwortungsträger:innen mit Opfern. So soll ihnen die Reichweite des falschen Umgangs mit sexuellem Missbrauch bewusst werden. Außerdem fordern die Forscher:innen mehr Transparenz, eine Verbesserung der Ausbildung von Priestern, sowie mehr Frauen in Führungspositionen.

    Meinung der Autorin

    Diese und noch mehr Maßnahmen sollen dabei helfen, dem Leid der Missbrauchten ein Ende zu setzen. Ob sie jedoch umgesetzt werden, scheint angesichts des starren Festhaltens an veralteten Konventionen vieler katholischer Entscheidungsträger fraglich.

    Du willst mehr zu dem Thema wissen? Hier findest du das Gutachten.

    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.