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    „Kein 15-Jähriger weiß, ob sein Gras gutes Zeugs ist“: Ye-One Rhie im Interview

    Im September schaffte Ye-One Rhie (SPD) den Einzug in den Bundestag. Ein Gespräch über die Rolle von Wissenschaft, die Abschiebung, die ihrer Familie als Kind drohte, und Sneakers im Bundestag.

    Die SPD-Politikerin Ye-One Rhie ist einer der Neuen im Bundestag. Die 34-Jährige engagiert sich weiterhin als Stadtratsmitglied und arbeitete ursprünglich in der Wissenschaftskommunikation. Zum Interview kommt die Aachenerin auf dem E-Scooter.

    Im September bist du in den Bundestag gewählt worden. Die größte Herausforderung in Berlin war bestimmt die Wohnungssuche, oder?

    Es war super schwierig. Anfangs habe ich im Hotel gewohnt. Manche Abgeordnete machen das vier Jahre lang, aber ich wollte nicht aus dem Koffer heraus leben. Berlin ist teuer, deshalb hab ich mich mit zwei anderen neuen Abgeordneten zusammengetan. 

    Eine Bundestags-WG also. Wird da auch mal gestritten, wer abspülen muss?

    (lacht) Vor zwei Wochen waren wir Essen, um mal darüber zu reden, wer für den Müll zuständig ist oder die Spülmaschine ausräumt. Dadurch, dass wir so viel zu tun haben, bleibt häufig was liegen, aber jetzt haben wir dafür endlich einen Plan aufgestellt.

    Natürlich ist es richtig cool, wenn du abends Leute hat, mit denen du reden und bei denen du auch mal so richtig Frust ablassen kannst. Andererseits fahren wir jeden Morgen gemeinsam zu den ersten Terminen, sind dann fast den ganzen Tag zusammen und kommen am Abend wieder zurück. Wir hocken also ständig aufeinander rum, aber bisher funktioniert das erstaunlich gut.

    Nicht jeder Jugendliche will Rapper, Fußballer oder Popstar werden. Es gibt auch viele, die würden gerne da sein, wo du jetzt bist: im Bundestag. Wie schafft man das überhaupt?

    Es geht viel um Timing. Du kannst einen perfekten Listenplatz haben und das Gefühl, gerade auf dem Sprung in den Bundestag zu sein – aber dann passiert irgendetwas und es klappt gar nichts mehr. Bei mir war es genau andersrum: Vor einem Jahr stand die SPD bei 13% und viele waren skeptisch, ob meine Kandidatur etwas werden würde. 

    Deswegen: Beharrlich da sein, sich Themen suchen, die einem wichtig sind und mit denen man sich ein Profil erarbeitet. Und dann hartnäckig bleiben! Wir werden häufig erzogen, bescheiden und zurückhaltend zu sein, sich nicht in den Vordergrund zu drängen. Aber in der Politik musst du manchmal die Hand heben, wenn die Frage noch gar nicht gestellt worden ist. 

    Im Bundestag sitzen seit dieser Wahl so viele Jusos wie nie zuvor. Stimmt es also, dass die Politik immer jünger wird?

    Klar, es gibt gerade einen absoluten Wandel, gerade in der SPD-Fraktion. Manche Journalist:innen haben geschrieben, dass es wie in der Ersti-Woche aussah, als wir alle in Sneakers und mit Rucksäcken in den Bundestag gekommen sind. Viele Mitarbeiter:innen hatten Schwierigkeiten, herauszufinden, wer von uns denn jetzt Abgeordnete:r ist. Wir jungen Abgeordneten hinterfragen viel mehr Dinge und wollen wissen, warum etwas so sein muss wie es ist, und ob man es nicht anders machen könnte.

    Du bist die Tochter südkoreanischer Einwanderer. Als du elf warst, war deine Familie von der Abschiebung bedroht. Inwiefern beeinflusst das die Art, wie du Politik machst und verändern möchtest?

    Mit der drohenden Abschiebung endete mein Glaube, dass man selbst entscheidet, wo man zur Schule geht oder leben darf. Mir war bis dahin gar nicht klar, dass das eine politische Entscheidung ist. Wir haben eine Menge Briefe an Politiker:innen geschrieben und wurden eingeladen, vorbeizukommen, um zu gucken, was sich machen lässt. Nicht jedes Gespräch hat eine Lösung gebracht, aber allein die Tatsache, dass die Leute es versucht haben, war schon richtig cool. 

    Deswegen habe ich mir das ebenfalls vorgenommen: zu versuchen, auf alle Briefe und Mails zu reagieren, ans Telefon zu gehen und auch auf sozialen Medien zu antworten. Ich weiß, wie wichtig es ist, eine Antwort zu bekommen. Auch dann, wenn es am Ende doch nichts bringt, weiß man trotzdem, dass sich jemand gekümmert hat.

    In deiner ersten Bundestagsrede ging es um ein Projekt mit dem Namen “Dati”. Was ist das?

    Dati steht für „Deutsche Agentur für Transfer und Innovation“. Es ist ein ziemlich ambitioniertes Projekt – und eigentlich wissen wir alle noch nicht genau, wie es am Ende aussehen wird. Wir wollen ein Problem angehen, das es schon sehr lange gibt: Wir haben unglaublich gute Wissenschaftler:innen, die super Ideen haben. Aber manchmal sind wir zu behäbig und zu langsam, um unsere Ideen auf den Markt zu bringen. Das soll besser werden, und dafür ist “Dati” da. Am Ende werden wir in der Koalition über die genaue Umsetzung diskutieren müssen, aber wir sind uns einig, dass wir es umsetzen wollen.

    In deiner Rede hast du außerdem gesagt, dass nur die wenigsten Forscher:innen die Anerkennung finden, die ihnen eigentlich zusteht. Wird die Wissenschaft nicht sogar bedroht, in Zeiten, in denen immer mehr Pandemieleugner auf die Straße gehen?

    Das hat schon viel früher angefangen, als erst bei der Pandemie. Viel zu viele Menschen glauben, dass Wissenschaft eine Meinung wäre und nicht auf Fakten beruhe. Es gibt Talkshows, in denen die eine Position genau so viele Vertreter:innen hatte wie die andere, obwohl es in der Wissenschafts-Community eine ganz klare Gewichtung gibt. Dadurch entsteht der Eindruck, als wären bei diesem Thema die Meinungen in der Wissenschaft gleich verteilt. Gegenmeinungen müssen erwähnt werden, aber Politik und Medien müssen hier viel sensibler werden.

    Nach deiner Wahl gratulierte dir die Botschafterin Südkoreas, im November warst du dort als Teil einer deutschen Delegation. Was können wir uns von der Zusammenarbeit mit Südkorea erhoffen?

    Südkorea ist unglaublich stark, was wissenschaftliche und technische Innovationen angeht. Hier gibt es schon enge Kooperationen, man kann aber sicher noch mehr voneinander lernen. In Südkorea wird häufig nach Deutschland geschaut, das hat auch historische Gründe: Zur gleichen Zeit wie in Deutschland wurde Korea von denselben Mächten in zwei Hälften geteilt, ein Mauerfall ist aber nicht in Sicht. Deutschland wird von vielen Koreaner:innen als friedlicher und vermittelnder Partner wahrgenommen.

    Zurück nach Deutschland: Die letzte Regierung wollte E-Sport fördern, zum Beispiel durch eine Änderung des Vereinsrechts. Passiert ist nichts. Das ist doch längst überfällig, oder?

    Ist es. Auch in Aachen sollte E-Sport eine größere Rolle spielen, das war schon vielen Bürger:innen bei der Kommunalwahl ein wichtiges Anliegen. E-Sport braucht mehr Anerkennung – und ich habe begründete Hoffnung, dass es für uns mit der Ampel-Regierung einfacher wird, die für gesellschaftlichen Wandel steht. Die FDP hat letztens erst einen “digitalen Push” gefordert. Für mich gehört dazu auch, endlich die Sport-Branche für E-Sport zu öffnen.

    Apropos längst überfällig: Die neue Koalition will auch Cannabis legalisieren.

    Dafür bin ich sehr offen. Ich bin in Aachen aufgewachsen und zur Schule gegangen, ich weiß, wie unglaublich leicht es ist, hier an Cannabis zu kommen. Und wenn wir den Konsum kriminalisieren, findet er halt im Dunkeln statt. Aber kein 15-Jähriger weiß, was eine normale Dosis Cannabis ist, wo sein Gras herkommt und ob es sicher ist – kurz: ob es gutes Zeug ist.

    Ich habe aber auch mit vielen Menschen aus dem medizinischen Bereich gesprochen, die die Legalisierung kritisch sehen. Alkohol hat vielleicht Folgeschäden, die es bei Cannabis nicht gibt, aber das macht Cannabis noch lange nicht folgenfrei. Von solchen Vergleichen müssen wir weg. Rauchen, Trinken, Kiffen: Alles drei müsste von der Politik eigentlich gleichermaßen in den Blick genommen werden.

    Dein Terminkalender ist gerade ziemlich voll, dick umkringelt ist vermutlich der Sonntag. Am 13. Februar findet die Bundesversammlung statt und du darfst den Bundespräsidenten mitwählen. Viele Promis werden auch da sein, auf wen freust du dich am meisten?

    (lacht) Als ich letzte Woche in Berlin war, habe ich mir mit ein paar anderen jungen Abgeordneten zusammen die Wikipedia-Artikel von einigen Gästen durchgeguckt. Die Gründerin von Biontech, Özlem Türeci, kommt, das finde ich schon cool. Auch einige Fußballer werden da sein, zum Beispiel Hansi Flick und Leon Goretzka. Die Autorin Sophie Passmann wollen wir auf jeden Fall kennenlernen, und Christian Drosten kommt auch. Wir sind ziemlich große Fans von ihm.

    Das Interview führten Clara Heuermann und Vitus Studemund.

    Korrektur-Hinweis: In der ersten Version dieses Beitrags stand, auch der Ehemann von Özlem Türeci – Uğur Şahin – würde an der Bundesversammlung teilnehmen. Wir haben die Stelle korrigiert.

    Vitus Studemund
    Vitus Studemund
    Konnte 2019 seine Freunde überzeugen, ein Online-Magazin für Jugendliche zu starten. Durchwühlt seitdem Datensätze, beobachtet Demonstrationen und schreibt über Politik, Protest und Blaulicht in der Region.

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