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    Als die Synagoge brannte: Mahnwache zur Reichspogromnacht in Aachen

    Die Nacht vom 9. November 1938 wurde als Reichspogromnacht bekannt. In ganz Deutschland fanden gewaltsame Angriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen statt. Eine Aachener Initiative gedenkt heute Abend am Synagogenplatz der Opfer.

    Ein zerstörtes Schuhgeschäft und eine Menschenmenge ringsum. Das war das erste, das Edgar Friesem sah, als er durch die Aachener Innenstadt lief. „Ich dachte, dass hier sicherlich ein Unfall war und selbst als sich dasselbe Bild mehrere Male kurz danach wiederholte, dachte ich noch nicht an irgendetwas Besonderes“. Dann fuhr ihm ein Freund auf einem Fahrrad entgegen. Die Synagoge würde brennen, rief dieser ihm zu. Edgar lief los. 

    „Als hätte man mir ein Messer durchs Herz gestoßen“

    Erst roch er das Feuer, dann sah er die Flammen. Und die Feuerwehr, die davor stand, ohne das Feuer zu löschen. Nur die Nachbarhäuser schützte sie. „Als die eine der Kuppeln in Trümmern zusammenfiel, war’s mir, als ob man mir ein Messer durchs Herz gestoßen hätte“.

    So zitiert der Historiker Herbert Ruland den Zeitzeugen Arie Eitan Friesem – wie Edgar sich später umbenannte – auf der Seite „Grenzgeschichte DG“. Friesem hatte den Morgen nach der Reichspogromnacht miterlebt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war der Höhepunkt der sogenannten Novemberpogrome. Ein Pogrom ist die gewaltsame Verfolgung einer Minderheit. 

    Attentat diente Nazis als Vorwand zur Zerstörung

    Zwei Tage zuvor hatte Herschel Grynszpan, ein polnischer Jude, ein Attentat auf einen deutschen Diplomaten in Paris verübt. Davor hatte er von der Deportation seiner Eltern erfahren. Über Propagandamedien ließ die deutsche Reichsführung die Verschwörungstheorie verbreiten, dass „Weltjudentum“ stecke hinter der Tat. Als der deutsche Botschafter am 9. November – dem Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches 1923 – seinen Verletzungen erlag, hetzte Propagandaminister Joseph Goebbels die Bevölkerung auf. Die SA-Führer gaben am selben Abend den Befehl durch, jüdische Geschäfte zu zerstören und Synagogen in Brand zu setzen.

    Novemberpogrome gelten als Beginn der Judenverfolgung im NS

    Schon kurz nach der „Machtergreifung“ 1933 war Arie Eitan Friesem von der Realschule geflogen. Der Grund: Er war jüdisch, wie damals noch 1% der Stadtbevölkerung. Doch erst mit der Novemberpogromnacht begriff er, wie dramatisch der Antisemitismus in Deutschland gewachsen war. Zu dem Zeitpunkt lebten nur noch halb so viele Juden in Aachen.

    Friesem flüchtete nach Palästina – illegal auf einem Schiff. Er kämpfte gegen Nazi-Deutschland im Krieg. Erst in Nordafrika, dann in Italien, später in Österreich und schließlich in Deutschland. Er erfuhr von der Deportation seiner Eltern in das besetzte Polen und hörte von ihnen nie wieder.

    „Ich habe keine Erklärung für das, was in Deutschland passiert ist“, schrieb Friesem lange Zeit später. Seine Geschichte beschreibt nicht nur die düstere Zeit Aachens im Nationalsozialismus. Sie zeigt auch die Bedeutung der Novemberpogrome 1938. Mit ihnen wandelte sich die staatlich geförderte und gesetzlich legitimierte Diskriminierung von Juden hin zur Verfolgung und Vernichtung.

    Gedenken am Dienstagabend in Aachen

    Das Aachener Bündnis Pogromnachtgedenken erinnert heute an die gewaltsamen Ausschreitungen. Die Mahnwache findet um 17.30 Uhr am Synagogenplatz statt. „1941 – Erinnerung an Entrechtung, Deportation, Vernichtung vor 80 Jahren“, kündigte die Initiative als diesjähriges Thema an. Neben musikalischer Begleitung von Illya Kiuila wird auch Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen ein Grußwort an die Teilnehmenden richten. Weitere Informationen findest du hier.

    Lesenswert:

    • „Die Tatsache scheint zu erschrecken, dass so etwas in Aachen möglich ist“. Herbert Ruland in Grenzgeschichte DG. Link.
    • „Wo die jüdischen Familien wohnten“. Maria Gromke mit Zitaten von Arie Eitan Friesem in Alemannia Judaica. Link.
    • „Geschichte – Juden in Aachen“. In Jüdische Gemeinde Aachen. Link.

    Bildangabe: 

    Bundesarchiv, Bild 119-2671-06 / CC-BY-SA 3.0 (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_119-2671-06,_München,_Kaufhaus_Uhlfelder,_Zerstörungen.jpg), „Bundesarchiv Bild 119-2671-06, München, Kaufhaus Uhlfelder, Zerstörungen“, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/legalcode   

    Vitus Studemund
    Konnte 2019 seine Freunde überzeugen, ein Online-Magazin für Jugendliche zu starten. Durchwühlt seitdem Datensätze, beobachtet Demonstrationen und schreibt über Politik, Protest und Blaulicht in der Region.