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    Das alte Kloster – von Besetzung und Besitz

    Am 20. August wurde das Karmelitinnen-Kloster am Lousberg besetzt. Die Aktivisten wollen daraus ein soziales Begegnungszentrum schaffen, statt es weiter verfallen lassen. Wir haben uns umgeschaut.

    Die Natur hat den alten Klostergarten längst zurückerobert. Er ist ein Meer aus Brombeergestrüpp und Sträuchern, abgeschottet vom Rest der Welt. An den alten Backsteinmauern schwanken dichte Schleier von Efeublättern im Wind. Es scheinen Jahrhunderte vergangen zu sein, seit der Garten das letzte Mal gepflegt wurde. Er ist wunderschön – urig und ungezähmt, aber wunderschön. Vögel zwitschern und übertönen beinahe den Stadtlärm hinter den Mauern. Erste Fledermäuse flattern flink durch das Dämmerlicht des Freitagabends. Die Luft schmeckt frisch und unverbraucht. Der Geruch der Stadt bleibt zurück hinter dem Eingangstor des Klosters, hier riecht es nach Gras, Erde und nassem Stein.

    Die unbeschuhten Karmelitinnen haben vor etwa 150 Jahren das Kloster gegründet. Unbeschuht – diese Frauen müssen es wirklich ernst meinen, geht es mir durch den Kopf, während ich mir eine Dornenranke aus den Schnürsenkeln pule. Enge Trampelpfade führen durch den verwilderten Garten, an einer kleinen Kapelle in der Mitte des Platzes vorbei zu einem Wegweiser. Ein Pfeil zeigt einen Abhang hinunter zum Klostereingang. Aber ich erkunde lieber weiter das Gelände: Einen Pfad hoch, an meterhohen Mauern und knorrigen Obstbäumen vorbei, schlage ich mich durchs Dickicht zu einer kleinen Überdachung. Darunter steht, mit in Stein gemeißeltem Lächeln, die lebensgroße Statue einer Frau. Freundlich breitet sie ihre Arme aus, als würde sie ihre Besucher willkommen heißen. Vielleicht tut sie das auch: Das Gelände ist schon lange verlassen, die einzigen Bewohner Spatzen, Wühlmäuse und Eichhörnchen. Da könnte sogar einer Statue langweilig werden.

    Ihren Namen hat die Dame uns leider noch nicht verraten.
    Ihren Namen verrät sie nicht.

    Aber jetzt wuseln in Kloster und Garten Menschen umher, ein paar sind Kinder, die meisten Jugendliche und junge Erwachsene. Manche von ihnen bleiben nur einige Stunden, andere so lange, bis die Polizei sie heraus zwingt. Es ist ein lauer Freitagabend im August und heute hat die Besetzung des alten Klosters begonnen. Denn die Besetzer, größtenteils junge Menschen aus Aachens linker Szene, wollen es nicht weiter ungenutzt lassen. „Wir finden, dass es moralisch verwerflicher ist, ein so schönes und altes Haus wie das alte Karmeliterinnenkloster verfallen zu lassen, als es mit neuem Leben zu füllen, und hoffen, dass das vielleicht auch die Eigentümer*in so sieht“, meinen die Besetzer. Sie möchten aus dem alten Kloster eine soziale Begegnungsstätte machen, mit Gemeinschaftsgarten und Wohn-Möglichkeiten. In einem Wohnblock soll es nur einer bestimmten Gruppe Menschen erlaubt sein, sich aufzuhalten, sogenannten FLINTA. FLINTA steht für Frauen, Lesben, intersexuelle, nichtbinäre, trans- und asexuelle Personen. Was genau das alles bedeutet, erfährst du hier. Außerdem organisieren die Besetzer Boxtrainings, führen eine Klamotten-Druckerei, einen Umsonst-Laden und Diskussionsrunden über Männlichkeit.

    Und das alles wollen sie tun, indem sie für sich beanspruchen, was ihnen rechtlich nicht zusteht.
    Moral schön und gut – aber wie kommt es, dass die Polizei diese Besetzung toleriert, wird sich manch aufmerksamer Leser vielleicht fragen. Tatsächlich gelten Hausbesetzungen in der Regel als Hausfriedensbrüche, sind aber (und jetzt aufpassen!) auch sogenannte Antragsdelikte. Das bedeutet, die Polizei greift erst dann ein, wenn der Eigentümer Anzeige erstattet hat. Das ist bisher noch nicht passiert. Bedeutet: Noch können die Besetzer unbehelligt weiterbesetzen, wie lange noch, das wird sich zeigen. Spätestens, wenn die Polizei da ist.

    Ich hab genug von Mücken und Dornen und folge dem Weg ins Kloster. Über der Eingangstür hängt ein Banner aus den Fenstern: „Raus aus der Defensive! #aachenbesetzen“ steht in großen, ungelenken Buchstaben geschrieben.

    Ich betrete das Gebäude, und mir fällt noch eine Möglichkeit ein, das Kloster zu nutzen: Als Horrorfilm-Kulisse könnte es einiges her machen.
    Mittlerweile ist es Nacht geworden. Lampen gibt es in den langen Fluren kaum, nur von draußen fällt etwas Licht durch die Fensterscheiben. Schatten huschen über Wände und Decke, als ich an den Fenstern vorbeigehe, dem dunklen Flur folge, abbiege, nochmal abbiege, weiterlaufe, bis ich wieder meine Hand vor Augen sehen kann und schließlich nicht mehr weiß, aus welcher Richtung ich gekommen bin. Der Gang endet an einer große Wendeltreppe. Die Stufen führen hinauf, enden in Dunkelheit. Am Geländer ist ein Treppenlift befestigt, ein altmodisches, dunkelrotes Ding, bedeckt von einer dicken Staubschicht. Es wirkt deplatziert, steht im Widerspruch zu dem mittelalterlichen Geist des Klosters. Der Lift funktioniert nicht mehr, natürlich nicht, aber er ist ein Überbleibsel aus der Zeit vor zwölf Jahren, als die Karmelitinnen das Kloster noch bewohnten. 2009 verließen sie es, zu aufwendig wurde die Pflege von Garten und Gebäude, zu alt die Schwestern selbst. Nur noch 13 Nonnen lebten zuletzt im Kloster, zwölf davon waren über 70. Sie verkauften es also, um in die Paulusstraße zu ziehen, eine altersgerechtere Unterkunft. Zwei Bedingungen hatten die Schwestern aber, als sie das Kloster hinterließen: Nicht nur der Denkmalschutz des Gebäudes sollte berücksichtigt werden, sondern auch sein Ursprung als ein Ort des Gebetes.

    Ob die neuen Bewohner auf diesen Wunsch Rücksicht nehmen, ist fraglich. Eine Nachfrage blieb bisher unbeantwortet.

    Plötzlich Musik! Leise klimpert ein Klavier vor sich hin, irgendwo in einem der vielen Zimmer muss jemand zu spielen begonnen haben. Ich bin im ersten Stock und folge der Musik einen Flur entlang. Langsam wird sie lauter, deutlicher, ich höre Kinderstimmen und stehe schließlich auf einer Empore, vor mir ein großes Eisengitter. Es wirft lange Schatten auf die gegenüberliegende Wand. Drei Meter weiter unten, im Erdgeschoss, stehen ein paar Mädchen um ein altmodisches Klavier herum. Ein junger Mann spielt, die Kinder hören zu.

    Ich gehe zurück die Treppen runter und finde den Raum mit dem Klavier. Der junge Mann spielt immer noch, auch die Mädchen stehen noch am Klavier. Eines trägt eine Stirnlampe, blendet mich, als sie sich umdreht. Schatten tanzen durch den Raum. Der Mann hat zu Ende gespielt, steht auf und ich schaue mir das Instrument genauer an. Es ist alt und ziemlich ungewöhnlich: Statt Pedalen hat es zwei Blasebalge und über den Tasten ein Register mit runden Knäufen. Ich drücke eine Taste und es passiert – nichts. „Du musst pumpen“, erklärt mir der junge Mann. Also trete ich vorsichtig auf einen der Bälge und fange an zu spielen.

    Das Kloster hat in den vergangenen zwölf Jahren eine komplizierte Geschichte hinter sich.
    Immer wieder wurde es weiterverkauft, bis es 2016 schließlich Eigentum einer Tochterfirma der German Property Group (kurz GPG) wurde. Diese Immobilienfirma, die inzwischen in Insolvenz gegangen ist, hatte mutmaßlich in einigen krummen Geschäften ihre Finger mit im Spiel – so der Vorwurf der Ermittler. Vor einigen Jahren hat GPG viele denkmalgeschützte Häuser in Deutschland gekauft, angeblich, um sie zu sanieren und weiterzuverkaufen. Dafür hat sie Anleger aus dem Ausland angeworben und mindestens eine Milliarde Euro zusammengesammelt. Die angepriesenen Sanierungen haben allerdings bis heute nicht stattgefunden – stattdessen verschimmelt das Kloster langsam.

    Bis 2018 konnte die GPG ihre mutmaßliche Betrugsmasche weiterspinnen, indem sie mit dem Geld der neuen Anleger die Renditen der Älteren bezahlte. Die neuen Anleger wurden mit der Zeit aber immer weniger und die Renditen konnten nicht mehr bezahlt werden. Das System begann schließlich zusammenzubrechen, 2020 ging GPG bankrott. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover gegen den Gründer und früheren Geschäftsführer.

    Die Firma CR Investment Management kümmert sich inzwischen um den Verkauf vom Kloster und vielen weiteren Immobilien, mit der früher die GPG ihre Geschäfte getrieben hat. Bis zum 31. August können Investoren, die Interesse am Kloster (und viel Geld) haben, noch Kaufangebote machen. Was mit Gebäude und Gelände passieren wird, ist also noch längst nicht sicher. Die Besetzer sind anderer Meinung, wer ein Recht auf das alte Kloster hat. „#DasKloster gehört uns allen!“

    Ich stapfe durch den Garten zurück zum Eingangstor. Als ich den Garten verlasse, lasse ich auch Fledermäuse, Vögel und den Geruch nach Erde hinter mir. Ich bin zurück in der Stadt. An der Mauer neben dem Tor hockt ein Dutzend Jugendlicher auf dem Bürgersteig, Musik dröhnt aus Lautsprechern. Es ist eine angemeldete Kundgebung zur Besetzung des Klosters. Die Besetzer erhalten viel Unterstützung, nicht nur aus der Nachbarschaft.

    Dass die Aktivisten sich auch Feinde machen, erklären sie eine Woche nach Beginn der Besetzung und meinem Besuch in einer Pressemitteilung. Transparente werden abgerissen und ein Mann droht ihnen, dass spätestens am kommenden Dienstag „ein Trupp Leute“ vorbeikommen würde, um die Besetzer zu vertreiben. „Trotz aller positiver Resonanz scheint es auch Interessengruppen zu geben, die uns hier nicht sehen wollen. Dass eine Nutzung als Soziales Zentrum und für günstigen Wohnraum nicht mit Profitinteressen vereinbar ist, war uns von vorne herein klar. Wir werden uns nicht vertreiben lassen, nur damit andere ihre Gewinne mit dem Verkauf des Klosters maximieren können!“

    Über einen ersten Erfolg können sich die Besetzer schon freuen: Am Donnerstagabend wurde von der Stadt beschlossen, dass der alte Klostergarten nicht bebaut werden darf. Er soll stattdessen geschützt werden, um die letzten freien, nicht zubetonierten Flächen in der Aachener Innenstadt zu erhalten.

    Das alte Karmelitinnenkloster – es ist eines von vielen Beispielen dafür, wie die Interessen von Investoren und Anwohnern aufeinanderprallen. Aber denjenigen, die es schon seit langer Zeit bewohnen, werden die Besitzverhältnisse herzlich egal sein: Den Vögeln, Brombeersträuchern und Statuen. Denn solange die Bäume gesund, der Garten wild und die Dächer heil sind, bleiben sie. Egal, wer das Kloster besetzt und besitzt.

    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.

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