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    Aachens Schmuggeljahre – von Kaffeebohnen und Krähenfüßen

    In den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges wird der Schmuggel im Aachener Raum für viele Bürger:innen zu einer wichtigen Einnahmequelle, um dem Hunger zu entkommen. Besonders verbreitet: der Kaffeeschmuggel, den die Zollbeamten mit aller Kraft zu stoppen versuchen.

    Regentropfen prasseln dem alten Schmuggler über den bronzenen Hut, sein Blick ist nur schwer zu deuten. Ein bisschen lächelt er, ein bisschen schielt er und ein bisschen verloren steht er da, mitten auf der Verkehrsinsel im Eifeldorf Mützenich, einen Sack mit Kaffeebohnen auf dem Rücken. Sein undeutlicher Blick ist wahrscheinlich nicht mehr, als ein Kunstfehler des Bronzegießers. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht denkt er auch zurück an eine der vielen Nächte, in denen der Schmuggel den Aachener Raum beherrschte:

    Tiefschwarze Nacht. Knackende Äste und raschelnde Blätter, als sich die Schmuggler durch das Unterholz schlagen. Es sind ein Dutzend Menschen, Männer, Frauen und Kinder, die schweren Säcke über die Schulter geworfen. Als sich das Gebell der Zollhunde hinter ihnen nähert, beginnen sie zu rennen. Die Rufe der Zöllner dringen durch die Nachtluft zu ihnen herüber, „stehen bleiben!“, brüllen sie. Natürlich bleiben die Schmuggler nicht stehen, sie kennen die Pfade und Verstecke, über die sie die Zollbeamten abhängen können. Ein Warnschuss hallt in der Dunkelheit nach.

    So oder so ähnlich könnte eine Schmuggeltour abgelaufen sein, wie sie in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges in den Wäldern von Aachen und Eifel immer wieder vorkamen. Heute gibt es nicht mehr viel, das noch an die Kaffeeschmuggler erinnert. Die schielende Bronzestatue des alten Schmugglers, eine Infotafel an der Dorfkirche in der Eifeler Ortschaft Schmidt und die Erinnerungen einer schwindenden Zahl von Zeitzeug:innen an diese merkwürdigen Jahre.

    Die Anfänge

    Schmuggel hat in Aachen Tradition. Als der Wiener Kongress im Jahr 1815 die preußisch-niederländische Grenze neu zog, spaltete das auch die kulturell eng verbundenen Grenzbewohner:innen. Seitdem gehört der Schmuggel fast schon zum Alltag in Aachen und der Eifel: früher Zigaretten und Kaffee, heute Marihuana. Einen gewaltigen Höhepunkt erlebte das Schmuggelgeschehen allerdings in den Nachkriegsjahren des Zweiten Weltkrieges, die der „Aachener Kaffeefront“ internationale Berühmtheit verschafften.

    Als im Jahr 1945 der Zweite Weltkrieg endete, lagen große Teile der Ortschaften im Raum Aachen in Trümmern. Fast vier Monate lang hatten amerikanische und deutsche Soldaten in der „Schlacht im Hürtgenwald“ gegeneinander gekämpft, bevor die Gefechte mit dem Sieg der Amerikaner endeten. Aber das Geld für den Wiederaufbau fehlte, unzählige Existenzen waren zerstört und die Menschen hungerten.

    Während dieser Zeit war der Preis für Bohnenkaffee in Deutschland sehr hoch, weil sowohl die Besatzungsmächte als auch die nachfolgende Bundesrepublik den Kaffee zu einem Luxusgut ernannten und hoch besteuerten. In den Nachbarländern kosteten die Bohnen nur etwa halb so viel, so konnte ein Kilo Röstkaffee in Belgien für acht Mark gekauft, und in Deutschland für 16 Mark wieder verkauft werden. Diesen hohen Preisunterschied wussten immer mehr Grenzbewohner:innen für sich zu nutzen: Sie kauften in Belgien Kaffee und schmuggelten ihn heimlich über die Grenze, um ihn auf dem lokalen Schwarzmarkt wieder zu verkaufen – die Geburtsstunde des Aachener Kaffeeschmuggels.

    Krähenfüße und Kinderkolonnen

    Eine Gruppe waghalsiger Schmuggler versuchte mit einem Panzer die Sperren des Zolls zu durchbrechen, andere transportierten ihre Ware in einem Leichenwagen über die Grenze, versteckten die Kaffeebohnen in umgebauten Motorrädern oder katapultierten sie nach Deutschland. Es gibt viele lustige bis wahnwitzige Geschichten über die Kreativität der lokalen Schmuggelgemeinschaft, die meisten benutzten aber weniger spektakuläre Methoden.

    Viele Schmuggler gingen über die grüne Grenze, also den im Wald liegenden Grenzabschnitt, um ihre Ware nach Deutschland zu transportieren. Der konnte nicht überall und zu jeder Zeit von Zollbeamten kontrolliert werden. Außerdem kannten sich viele Zöllner im Dickicht von Eifel und vom Aachener Wald weniger gut aus als die heimischen Schmuggler. Die gingen oft in großen Kolonnen auf Schmuggeltour. Dadurch war die Wahrscheinlichkeit, im Fall eines Zugriffs durch die Zöllner festgenommen zu werden, weniger groß. Meistens schlossen die Schmuggler sich nur lose zusammen, in einigen Fällen bildeten sich aber auch organisierte Banden.

    Solche Banden versuchten bald, durch neue Strategien größere Mengen an Kaffee zu transportieren. So bauten sie ganze Autos um, panzerten die Seiten dieser Wagen und bauten die Sitze aus, um Platz für bis zu 1.600 kg Kaffeebohnen zu schaffen. Natürlich liefen die Grenzübertritte der Schmuggelbanden nicht immer unbemerkt ab: Hin und wieder kam es zu Verfolgungsjagden mit den Zollbeamten. Dagegen wappneten sich die Schmuggler mit selbstgebauten Waffen. Besonders verbreitet waren sogenannte Krähenfüße, pyramidenförmig miteinander verbundene Eisendornen, die die Reifen ihrer Verfolger zerstören sollten. Das führte immer wieder zu gefährlichen Unfällen.

    „Auf keinen Fall darf auf Kinder und Jugendliche geschossen werden“, schrieben die Waffengebrauchsbestimmungen der Zollbeamten vor. Das missbrauchten auch einige Banden, die Kinder ihren Kolonnen anschlossen, um sich vor einem Beschuss durch Zöllner zu wappnen. Aber auch unabhängig davon bildeten sich bald große Kolonnen schmuggelnder Kinder. Meistens wurden sie von ihren Eltern geschickt, die das zusätzliche Geld bitter nötig hatten. Schätzungen zufolge wurden von den 3.000 Tonnen Kaffee, die jährlich illegal die Grenze überquerten, 500 Tonnen von Kindern geschmuggelt.

    Die Opfer der „Kaffeefront“

    Wegen der vielen Gefechte zwischen Zollbeamten und Schmugglern erhielt die Grenzregion bei Aachen bald den Namen „Aachener Kaffeefront“. Und tatsächlich fielen 25 Schmuggler den Kugeln der Zollbeamten zum Opfer, Hunderte wurden verletzt. Die Todesfälle verbreiteten sich bald auch in internationalen Medien, so schrieb ein italienischer Reporter: Ich habe in aller Welt die Lage der Grenzgebiete zur Genüge kennengelernt. Aber selbst da, wo es am heißesten zugeht, fließt bei der Schmuggelbekämpfung nicht so viel Blut, wie ausgerechnet im Aachener Raum.“

    Die Gefahr zu verhungern war allerdings eine sehr viel größere. Millionen Menschen starben im Deutschland der Nachkriegsjahre hieran. Das Risiko, beim Schmuggeln erschossen zu werden, wird also verhältnismäßig gering gewesen sein.

    Das Ende

    Der massenhafte Kaffeeschmuggel endete fast unerhört unspektakulär: Im Jahr 1953 senkte die deutsche Regierung die Kaffeesteuer und damit lohnte sich der Schmuggel nicht mehr. Organisierte Banden lösten sich auf, Bürger:innen verdienten anderswo ihr Geld und längst ist Gras über die alten Schmuggelpfade gewachsen.

    Immer noch prasselt dem alten Schmuggler der Regen auf seinen bronzenen Hut, und immer noch scheint sein Blick ein bisschen diffus. Vielleicht ist er sich auch nicht ganz sicher, wie er an diese Jahre zurückdenken soll, damals, als es in den Wäldern von Aachen und Eifel nach Kaffee roch.

    Clara Heuermann
    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.