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    Robert Habeck auf Wahlkampf-Tour in Aachen

    Am Katschhof hat sich eine kleine Menschenmenge versammelt, auf den Stufen zum Rathaus hocken dutzende Leute. Eine Tribüne ist in der Mitte des Platzes aufgebaut, um sie herum stehen grüne Liegestühle mit Sonnenblumen-Emblem, ein Haufen Ordner:innen wuseln rum. Der Trubel hat einen Grund, und der verspätet sich gerade.

    Gespannt warten Organisator:innen und Zuschauer:innen auf den Beginn der Veranstaltung, auf die Ankunft von Robert Habeck. Der Co-Chef der Grünen soll heute, am Abend des 20. August, eine Rede am Aachener Katschhof halten. Die Bundestagswahl findet in fünf Wochen statt und im Moment schnorchelt die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock im Umfragetief. Wahlwerbung kann sie gut gebrauchen.
    Am Mittag ist Habeck noch in Trier gewesen, hat auch dort seine Rede gehalten. Von da aus geht es für ihn mit etwas Verspätung weiter nach Aachen. Um viertel vor sechs eröffnet Mona Neubaur, Vorsitzende der Grünen im Landtag von NRW, aber schließlich die Veranstaltung.

    Von Grauammern und blauflügeligen Ödlandschrecken

    Und die beginnt – zur Enttäuschung derer, die sich schon auf Robert Habeck gefreut haben – mit den beiden Aachener Direktkandidaten für die Bundestagswahl. Ein Direktkandidat bewirbt sich um das sogenannte Direktmandat eines Wahlkreises, kann also von den Wähler:innen direkt gewählt werden und ist nicht davon abhängig, wie gut seine Partei bundesweit abgeschnitten hat. Lukas Benner und Oliver Krischer sind die beiden Direktkandidaten der Aachener Grünen – jeweils für die Stadt beziehungsweise den alten Landkreis.

    Abwechselnd befragt Vorsitzende Neubaur Benner und Krischer zur Flutkatastrophe, den nötigen Klimaschutzmaßnahmen, dem Kohleprogramm, den ÖPNV und erneuerbaren Energien. Etwas ausgefallener ihre letzte Frage – beziehungsweise die Antwort darauf: Welche Lieblingstiere haben Krischer und Benner? Sie müssen nicht lange überlegen. Während Vogel-Fan Oliver Krischer begeistert von der unscheinbaren Grauammer erzählt, schwärmt Benner für die blauflügelige Ödlandschrecke. Denn obwohl sie bei uns eigentlich nicht heimisch ist, wurde 1987 eine Population bei einem alten Steinkohle-Abbaugebiet entdeckt. Für Benner ist die Schrecke deshalb Symbol für den Strukturwandel in unserer Region.

    • Oliver Krischer, Direktkandidat des Wahlkreises 1
    • Lukas Benner, Direktkandidat der Grünen im Wahlkreis 2

    „Und man schmeißt sich Verantwortung zu wie eine heiße Kartoffel“

    Und endlich, um viertel nach sechs, betritt Robert Habeck die Bühne. In Jeans und mit hochgekrempelten Ärmeln beginnt er seine Rede. Schnell wird klar, was gemeint ist, wenn über Habecks rednerische Fähigkeiten gesprochen wird. Er erklärt, schwärmt, schimpft, philosophiert und witzelt ohne Pause, hier ein Fußball-Vergleich, da eine kleine Anekdote, immer mit etwas wehleidiger Stimme und großer Gestik.

    Dass die Wahlkampfthemen nur wenig mit der Wirklichkeit gemeinsam haben, mit den echten Problemen der Bevölkerung, kritisiert Habeck scharf. Das ist kein Wunder, der Wahlkampf hat sich bisher auf Shitstorms beschränkt, die abwechselnd die Kanzlerkandidat:innen von der Union und den Grünen trafen.

    Robert Habeck wechselt das Thema, spricht jetzt über Verantwortung – oder viel mehr über Verantwortungslosigkeit und den fehlenden Mut vieler Politiker:innen, Verantwortung für ihr Handeln zu zeigen. Das Thema lässt ihn nicht los, zieht sich durch Habecks ganze Rede: „Und man schmeißt sich Verantwortung zu wie eine heiße Kartoffel“.
    Habeck erwähnt einen Antrag, in dem die Grünen schon im Juni die Aufnahme afghanischer Ortskräfte forderten. Leidenschaftlich kritisiert er das Herumschubsen der Verantwortlichkeit für das, was in Afghanistan passiert, das „Spiel der Verantwortungsübertragung“, wie er es nennt.
    In der nächsten halben Stunde geht es um Klimaschutz, Steuerverteilung und Hartz IV, über Regeln und Freiheiten in der Gesellschaft, aber immer wieder geht es auch um Verantwortung.

    Wenn auch nicht die Grünen: Hauptsache wählen gehen

    Die Rede ist zu Ende, Mona Neubaur kommt wieder auf die Bühne. Der emotionale, leidenschaftlich Reden schwingende Habeck ist verschwunden, stattdessen wirkt der Grünen-Chef zurückhaltender, fast schüchtern. Zum Schluss werden noch einige Publikumsfragen beantwortet. Wie möchte er die Wahlbeteiligung erhöhen? Worin liegt die Zukunft, in Elektro- oder Wasserstoff-Autos? Und wie können Kulturschaffende weiter gefördert, wie das Pariser Klimaabkommen erfüllt werden?

    Robert Habeck beendet seinen Auftritt mit einem Plädoyer für nachhaltige Energieerzeugung, bedankt sich und erntet eine Menge Applaus. Auch Lukas Benner und Oliver Krischer betreten nochmal die Bühne, noch mehr Applaus. Die Versammlung endet mit der Bitte an die Zuschauer:innen, wählen zu gehen – und wenn auch nicht die Grünen, dann eine andere demokratische Partei. Denn nicht zu wählen, das hilft am Ende nur denen, die in unserer Demokratie nichts verloren haben.

    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.

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