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    Zwischen Glauben und Kultur – zu Besuch in der jüdischen Gemeinde Aachen

    Wie sieht es eigentlich in der Aachener Synagoge aus? Und wie ist es, als Jude oder Jüdin in unserer Stadt aufzuwachsen? Eine Reportage über das jüdische Leben in Aachen und Glauben und Kultur im Judentum.

    Daniel Tarchis spricht nicht gerne von „jüdischen Menschen“. „Die Formulierung finde ich immer ein bisschen seltsam“. Er nennt sich lieber einen Juden.

    Eigentlich studiert der 22-jährige Wirtschaftsingenieurwesen an der RWTH, aber jetzt ist er es, der erklärt. Um ihn herum stehen sechs Leute, alle mindestens Boomer: eine kleine, faltige Frau in Jack Wolfskin-Fleecejacke, eine andere mit goldener, runder Brille und buntem Patchwork-Schal, der ihr den Touch einer Yoga-Lehrerin verleiht. Zwischen den Frauen stehen halbglatzige Männer, ihre Hände auf dem Rücken gefaltet. Sie alle hören Daniel aufmerksam zu, der wahrscheinlich nur ein Drittel so alt ist wie sie. Aber das lässt er sich nicht anmerken. Er ist ein junger, sportlicher Mann mit dunklem Lockenkopf und einem Lächeln, bei dem sich die Spitzen seiner Lippen immer ein bisschen kräuseln. Selbstbewusst steht er vor der Gruppe, erklärt, gestikuliert und streut immer wieder Witze ein.

    Die Besucher:innen hören aufmerksam zu; manchmal Fragen stellend aber meistens schweigend folgen sie Daniel durch das Gebäude. Zwei Mal pro Monat gibt er seine Führungen, die offen sind für alle, die mehr über das jüdische Leben in Aachen erfahren wollen.

    Mein Haus soll genannt sein ein Haus des Gebetes für alle Völker“

    Dass es ein Gotteshaus ist, merkt man der Synagoge von außen kaum an. Verglichen mit christlichen Kirchen ist es ein fast bescheidener Bau aus gelbbraunem Stein, der die eine Seite des nach ihm benannten Synagogenplatzes zwischen Bushof und Kugelbrunnen umrahmt. In der Mitte des Platzes ragt ein großer Block aus blauem Glas aus dem Boden, der von oben betrachtet einen Davidstern darstellt, ein traditionelles Zeichen des Judentums. Von der Seite aus sind die einzelnen Schichten zu erkennen, aus denen die Skulptur besteht. Jede einzelne steht für eine Generation an Jüdinnen und Juden, die in Aachen gelebt hat, deshalb nennt Daniel es auch ein „Trotzmal“.

    Das „Simon-Schlachet-Gemeindezentrum“, wie es eigentlich heißt, ist erst in den 90ern gebaut worden. Die alte Synagoge wurde in der Reichspogromnacht von den Nazis niedergebrannt.

    Auf hebräisch steht an der Front des Gebäudes: „Mein Haus soll genannt sein ein Haus des Gebetes für alle Völker“. Darunter die hohen Fenster des Eingangsbereiches, durch die das Sonnenlicht auf meterhohe Scheiben aus mattem Glas fällt. Hebräische Schriftzeichen sind in sie hinein graviert, daneben die deutsche Übersetzung. Sie erzählt von der Errichtung der Welt in sieben Tagen, wie sie in jüdischen und christlichen Schriften geschrieben steht – auf der Scheibe ganz rechts der erste Tag, links der siebte, nach der hebräischen Schreibrichtung von rechts nach links.
    Vor den Glasscheiben steht Daniel und erzählt über die Reihenfolge, in der nach jüdischem und christlichem Glauben die Welt bevölkert wurde: zuerst Pflanzen, dann Fische, dann Vögel und am Ende der Mensch.

    Er selber glaubt natürlich nicht an diese alten Mythen. Der junge Mann sieht sich als säkularen Juden, ist also nicht religiös, lebt das Judentum aber als eine Kultur. Sein Leben und sein Weltbild richtet er nicht nach traditionellen Vorstellungen aus, ähnlich, wie es heutzutage viele Angehörige anderer Religion in Deutschland machen. Wichtiger, findet er, seien für ihn die kulturelle und ethnische Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und dessen Werte.

    Auch, wenn Daniel nicht an eine Erschaffung der Welt in sieben Tagen glaubt – die frühen Kenntnisse über die Evolution, die sich aus dieser Schöpfungsgeschichte ableiten lassen, faszinieren ihn.

    Eine Frage der Identität

    Die Besucher:innen schlendern durch einen langen Flur, den alle paar Meter gläserne Vitrinen säumen. Goldene Figuren glänzen im einfallenden Licht hinter den Scheiben, daneben bestickte Kippot – Kopfbedeckungen, die von den Männern während des Gottesdienstes getragen werden. Neben der Vitrine stehend beschreibt Daniel die Regeln des Schabbat, des wichtigsten jüdischen Feiertages, der jeden Freitag bei Sonnenuntergang beginnt uns erst am Sonnenuntergang des folgenden Samstags wieder aufhört. Dazwischen ist Arbeit verboten, stattdessen werden gemeinsame Zeremonien abgehalten und zusammen gegessen. „Bei uns ist Weihnachten jeden Freitagabend“, beschreibt Daniel es.

    Er ist in keinem besonders religiösen Elternhaus aufgewachsen. In Aachen geboren, ist er als Kind zwar regelmäßig zur Sonntagsschule gegangen, einer Art jüdischen Kinderspielgruppe. Aber nach einem Umzug nach Kelmis verlor er fürs erste den Kontakt zur jüdischen Gemeinde. Das änderte sich erst mit den „Maccabi Games 2015“. Das ist ein internationales, jüdisches Sportevent, das 2015 im Berliner Olympiapark ausgetragen wurde – einem geschichtsträchtigen Ort, denn hier veranstalteten auch die Nazis 1936 ihre olympischen Spiele. 79 Jahre später feierte und jubelte aber ein Haufen ausgelassener Jugendlicher auf dem Gelände, die ihre Ferien anlässlich der Spiele in einem jüdischen Zeltlager in der Nähe verbrachten. Darunter auch Daniel. Die Jugendlichen stammten, wie er selbst, zum großen Teil aus Familien mit sowjetischen Wurzeln. Bis zum Mauerfall lebten seine Eltern in Belarus, wo sie wegen ihres Jüdischseins unterdrückt wurden. Bei erster Gelegenheit flohen sie nach Deutschland.

    Zuhause lebte Daniel belarussische Kultur, auf dem Einhard-Gymnasium schloss er bald Freundschaften mit anderen Kindern aus Migrationsfamilien. Er fühlte sich nicht ganz deutsch und nicht ganz belarussisch – ein Gratwanderer zwischen den Kulturen. Dazu bemerkte Daniel, dass er Teil einer Religionsgemeinschaft war, von der die meisten nur wenig wussten – das verband ihn mit den anderen Jüdinnen und Juden vom Zeltlager. Die nächsten Sommer verbrachte er alle auf den Camps, zuerst als Teilnehmer, später als Teamer, und begann, sich mehr und mehr in seiner Gemeinde zu engagieren.
    Inzwischen betrachtet Daniel sich als einen weißrussisch-deutschen Juden.

    Unter Davidstern und Thoraschrein

    Daniels Stimme hallt dumpf von den Wänden der Synagoge wider. Der Gebetsraum liegt im Halbdunkel, schemenhafte Formen in gelb und orange zeichnen sich ab durch das Glas der langen, schmalen Fenster. Das warme Licht fällt in einen runden Saal mit hoher Kuppel, bricht sich in einem gläsernen Davidstern. Darunter reihen sich in einem Halbkreis Holzbänke, nebeneinander und übereinander, auf dem Boden und auf einer von Säulen gestützten Empore. Dort die Frauen, unten die Männer. So, meinte man früher, würde es den Zuhörer:innen der Gottesdienste wohl leichter fallen, den nötigen Anstand beizubehalten.

    Daniel hat sich eine Kippa aufgesetzt und auf einem Podest zwischen den Bankreihen – der Bima – Platz genommen. Von der Bima aus wird während der Gottesdienste aus der Thora gelesen. Die Thora ist das erste und wichtigste der drei Glaubensbücher des Judentums, eine große Rolle aus Pergamentpapier, rechts und links auf Holzstäbe gewickelt. Sie erzählt von der Schöpfung der Welt, über die Geschichte Moses’, von der Gründung Israels und den Gesetzen des Judentums. Jedes Jahr wird sie während der Gottesdienste einmal ganz durchgelesen.

    Alle Thora werden von Hand geschrieben – macht ein Schreiber einen Fehler, muss er von vorne anfangen. Jede Rolle ist also die genaue Kopie des ersten und ältesten Textes. „Die Gesetze der Thora sind universell“, so Daniel. Deshalb gäbe es in den Regelungen des Judentums auch keine Änderungen, nur Anpassungen an die Moderne, erklärt Daniel nicht ohne Stolz. Uralte Vorschriften, wie zum Beispiel das Verbot, während des Schabbat Feuer zu machen, werden auf die modernen Verhältnisse angepasst. Das Feuer-Verbot kann etwa so umgedeutet werden, dass sämtliche elektrische Geräte am Ruhetag nicht bedient werden dürfen. Viele Jüdinnen und Juden kennen aber Tricks, diese Regeln zu umgehen: Wer vor Beginn des Schabbat ein Fußballspiel aufnimmt, das während des Schabbat läuft, verstößt gegen keine der Vorschriften.

    Ich weigere mich, Angst zu haben.“

    Wer öfters mal über den Synagogenplatz läuft, dem wird der Polizeiwagen aufgefallen sein, der jeden Tag und jede Nacht vor der Synagoge Wache hält. Die Notwendigkeit von ständigem Polizeischutz – bei einer Kirche undenkbar, bei Synagogen ganz normal. Besonders in den letzten Jahren. Von 2017 bis 2021 hat sich die Anzahl antisemitischer Straftaten verdoppelt – das Tragen von Kippa oder Davidstern in der Öffentlichkeit kann böse Folgen haben. Im Internet ist Antisemitismus für Daniel ein alltägliches Problem: „Idioten bleiben Idioten und sie werden immer mehr“.

    Ob gläubiger Jude oder säkulare Jüdin, Antisemitismus betrifft alle. Was mit der Verharmlosung vom Holocaust beginnt, kann sich mit dem Glauben an eine jüdische Verschwörung fortsetzen und mit Anschlägen enden, so wie in Halle. Am 9. Oktober 2019 hat dort ein Rechtsextremist versucht, am jüdischen Feiertag Jom Kippur einen Massenmord an den Besucher:innen der Synagoge zu begehen.
    „Ich weigere mich, Angst zu haben“, sagt Daniel. „Aber ich mache mir Gedanken“. Rund zwei Drittel aller Deutschen haben Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden, davon kriegt er auch manchmal bei seinen Führungen mit.

    Es ist dunkel geworden. Die Besucher:innen sind längst gegangen, wir sitzen in einem Café am Elisenbrunnen und Daniel erzählt vom Feiern in jüdischen Gemeinschaften. Es sei wie in einem Club, ohne Musik und Licht, aber mit großartiger Stimmung. Einmal hätte er bis tief in die Nacht mit einem strenggläubigen Rabbiner, den er bis dahin nicht kannte, Whiskey getrunken.
    Die Bedrohung, glaubt er, habe Jüdinnen und Juden beigebracht, das Leben wertzuschätzen. Es sei eine einzigartige Mentalität, eine Lebens- und Feierfreude, die das Zusammensein in jüdischen Gemeinschaften prägt – weil so schnell alles wieder vorbei sein kann.

    Dann verabschieden wir uns von dem jungen Mann; einem Studenten, Sportler, Formel 1-Fan, Hobby-Fotografen und eben auch ein Jude.

    Clara Heuermann
    Clara Heuermann
    Chefredakteurin, Alliterations- und Neologismen-Fan. Schreibt über Politik, Protest und das Leben in Aachen, wenn sie nicht gerade mit ihrem Hund die Eifel unsicher macht.

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