More

    Mit Musik, Prominenz und vielen Emotionen: Karlspreisträgerinnen aus Belarus erzählen ihre Geschichte

    Am 26. Mai fand die Verleihung des Karlspreis 2022 an die drei Führerinnen der belarussischen Opposition - nach einem Gottesdienst im Dom - im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt. Die Verleihung im Überblick.

    Oberbürgermeisterin eröffnet mit Rede

    Vor dem eigentlichen Beginn begrüßt die Aachener Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen die anwesenden Menschen und nennt dabei insbesondere die auch internationale politische Prominenz. Neben der Präsidentin des EU-Parlaments ist unter anderem die Bundestagspräsidentin Bärbel Bas und Bundesaußenministerin und Laudatorin Annalena Baerbock anwesend. Auch begrüßt sie die anwesenden ehemaligen Preisträger:innen, darunter der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, und die Botschafter einiger europäischer Länder wie Frankreich, Malta und Kroatien.

    Keupen betont in ihrer Rede, dass der Karlspreis in diesem Jahr zum ersten Mal eine Bürgerbewegung auszeichne. Er sei ein klares Zeichen der Solidarität mit dem belarussischen Volk, eine Würdigung des Einsatzes, den die Preisträgerinnen geleistet haben, aber auch eine Mahnung und Erinnerung für Europa, dass die freiheitlich-demokratische Ordnung, an die man sich hier gewöhnt hat, keineswegs selbstverständlich sei und man sich nicht darauf ausruhen solle. Im weiteren Verlauf erinnert sie daran, dass weltweit ein Erstarken autokratischer Regime zu beobachten sei. Abschließend ruft sie dazu auf, sich an den Preisträgerinnen ein Beispiel zu nehmen.

    Baerbock: Protest unterdrückt, aber nicht vorbei

    Die Laudatio hält in diesem Jahr Bundesaußenministerin Annalena Baerbock. Sie kennt die drei Preisträgerinnen und drückt ihre Freude über die Entscheidung des Karlspreisdirektoriums aus.

    Zu Beginn der Rede erzählt sie über das Schicksal von Maria Kalesnikava – die Preisträgerin, die durch ihre Schwester vertreten wird, da sie als politische Gefangene des Regimes in Belarus im Gefängnis sitzt. Die Ministerin beschreibt die individuelle Situation der drei Preisträgerinnen und erinnert daran, wie brutal die friedlichen Proteste des belarussischen Volkes von den Truppen der Regierung bekämpft wurden. Sie lobt, wie schnell sich die Frauen trotz unterschiedliche politischer Meinungen und Ideen unter dem gemeinsamen Ziel, die Diktatur zu beenden, zusammenschlossen und betont die Vorbildfunktion der drei Frauen.

    In diesem Zusammenhang beschreibt sie die persönliche Last und die Opfer der drei Frauen. So erzählt sie beispielsweise, wie Swetlana Tichanowskaja ihren Kindern Päckchen schickte und behauptete, sie seien von ihrem Vater, der verreist sei, da sie ihnen nicht erklären konnte, dass ihr Vater im Gefängnis sitzt.

    Baerbock erklärt, der Karlspreis für die drei Oppositionsführerinnen habe durch den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine eine weitere Bedeutung erlangt und bekräftigt, dass eine Kapitulation der Ukraine nicht zu Frieden führen würde und dass die Ukraine, wie auch die übrigen neuen EU-Beitrittskandidaten, bereits Teil der europäischen Familie seien. Sie verspricht, auch wenn gegenwärtig mehr über die Ukraine gesprochen werde, seien die Menschen in Belarus nicht vergessen worden.

    Am Ende richtet sie sich direkt an Tatsiana Khomich, die Schwester der inhaftierten Maryja Kalesnikawa und bittet sie, ihrer Schwester Mut zu machen, wenn sie das nächste Mal mit ihr telefonieren kann.

    Preisverleihung mit Medaillen und Stadthymne

    Nach der Laudatio beginnt die eigentliche Preisverleihung. Jürgen Linden, ehemaliger Oberbürgermeister und amtierender Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums, verließt die Urkunde mit der Begründung für den Preis. Oberbürgermeisterin Keupen hängt Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo ihre Medaillen um den Hals. Jürgen Linden hängt Tatsiana Khomich stellvertretend die Medaille um. Anschließend spielt das Sinfonieorchester Aachen die Stadthymne „Urbs Aquensis, urbs regalis“.

    Tichanowskaja: Proteste nach Wahl waren nationales Erwachen

    Die Rede der Preisträgerinnen war in drei geteilt. Swetlana Tichanowskaja machte den Anfang. Sie erklärte, dass der Preis nicht ihnen allein gehöre, sondern dem gesamten belarussischen Volk – denen, die sich unermüdlich einsetzen, denen, die Angehörige im Protest verloren haben und den Kindern, deren Eltern im Gefängnis sitzen. Das Leben der Menschen habe für das Regime in Belarus keinen Wert. Auch nachdem die Massenproteste nach der Wahl abgeflaut waren und das internationale Interesse abgeebbt war, habe Lukaschenko durch sein Handeln gezeigt, wie weit er gehen würde. Als Beispiel nennt sie die durch ihn verursachte Migrantenkrise an der polnischen Außengrenze und die Entführung eines Flugzeugs, in dem sich ein oppositioneller Journalist befand.

    Tichanowskaja bedankt sich für die große internationale Solidarität und bittet darum, den Blick nicht von Belarus abzuwenden. Was da und in der Ukraine passiere, sei kein Kampf zwischen Ost und West, sondern zwischen Diktatur und Demokratie und zwischen Vergangenheit und Zukunft.

    Krebskranke Mutter wurde an Bett gekettet

    Veronica Tsepkalo fährt mit der Rede fort, bekräftigt die Aussagen von Swetlana Tichanowskaja und prangert Lukaschenkos Versuche an, durch ungerechte Justiz und Gewalt die Proteste zu brechen.

    Dann beginnt sie, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Sie erklärt, dass ihre Mutter Lukaschenko lange vor seiner Präsidentschaft beruflich kannte. Nach einem Terroranschlag auf das Wohnhaus des Beraters von Lukaschenko sei ihre Mutter, die zu dem Zeitpunkt bereits schwer an Krebs litt, beschuldigt und verhaftet worden. Veronica Tsepkalo und ihre Schwester hätten erst nach Tagen die Möglichkeit bekommen, ihre Mutter im Krankenhaus zu besuchen.

    Der Anblick ihrer ausgemärgelten Mutter, die an den Händen ans Bett gefesselt war öffnete ihr die Augen. Sie erzählt, dass ihre Mutter 1944 in Deutschland in einem Arbeitslager als Tochter eines Deutschen geboren worden war und ihre Mutter immer davon geträumt hatte, ihren Vater kennenzulernen. Durch ihre Mutter hat Veronica Tsepkalo den Glauben, dass ihr Großvater stolz auf sie wäre.

    Tatsiana Khomich: Belarus ist nicht Russland

    Die Schwester der inhaftierten Maryja Kalesnikawa betont in ihrem Teil der Rede die Unterschiede zwischen Russland und Belarus. Sie erklärt, dass sich die belarussische Bevölkerung gegen den Krieg stemme. So seien freiwillige Soldaten für die Ukraine im Einsatz und Protestgruppen würden Materialtransporte Russlands durch Belarus behindern. Sie betont, dass Europa dem Kampf für Demokratie hilft und erinnert abschließend an die 1500 offiziellen und vielen weiteren inoffiziellen politischen Gefangenen in Belarus.

    Ein Ende mit Musik

    Nach der Rede der Preisträgerinnen gibt es eine Präsentation belarussischer Kultur. Es werden mehrere Lieder gesungen und ins deutsche übersetzte Gedichte vorgelesen. Danach trugen sich die Preisträgerinnen in das goldene Buch der Stadt ein. Zum Abschluss spielte das Aachener Sinfonieorchester die Europahymne.

    Unsere Bilderstrecke zu der diesjährigen Verleihung findest du hier oder oben eingefügt.

    Ausführlicheres über die Preisträgerinnen findest du in diesem Au Huur! Magazin Bericht: Karlspreis 2022: Feier, Preisträgerinnen und Kontroverse im Überblick

    Die Begründung des Karlspreisdirektoriums für die Verleihung an die drei Frauen findest du hier.

    Rasmus Epperlein
    Rasmus Epperlein
    Schreibt unter anderem über Politik, Umwelt, Verkehr und Städtebau in der StädteRegion.

    Fotostrecke: So war der Karlspreis 2022

    Der Karlspreis geht 2022 an drei führende belarussische Bürgerrechts-Aktivistinnen. Eindrücke von der Verleihung findest du in unserer Bilderstrecke.

    Karlspreis 2022: Feier, Preisträgerinnen und Kontroverse im Überblick

    Am 26. Mai wird zum 63. Mal der Internationale Karlspreis zu Aachen verliehen, mit dem besondere Verdienste um Europa und die europäische Einigung gewürdigt werden. In diesem Jahr soll er an die Anführerinnen der belarussischen Opposition Maria Kalesnikava, Swetlana Tichanowskaja und Veronica Tsepkalo gehen, um ihr Engagement für eine Demokratisierung der „letzten Diktatur Europas" zu ehren.

    Verbreiten von Verschwörungstheorien? Kritik an Karlspreis für rumänischen Präsidenten

    Am Samstagvormittag wurde der internationale Karlspreis zu Aachen zum 62. Mal verliehen. Die Vergabe an Klaus Johannis (rumänisch: Iohannis), seit 2014 Präsident von Rumänien, stößt nicht nur auf Zuspruch. Ein Überblick über die Verleihung und die Kritik.